haitz1Auf der Verliererstraße

"Die Erfüllung meines Traums hat mein Leben versaut" – in einer autorisierten Autobiografie mit dem Titel “Subcampeón – Vizemeister“ hat der ehemalige Fußballer Zuhaitz Gurrutxaga von Real Sociedad San Sebastian (Donostia) eine bittere Bilanz gezogen über seine Karriere im spanischen Profisport. Auf dem Höhepunkt seiner noch jungen Laufbahn, mit besten Aussichten für die Zukunft, versagte seine Psyche, eine Zwangsstörung warf den damals 22-jährigen Zuhaitz von einer Lebenskrise in die nächste.

Zuhaitz Gurrutxaga (*1980, Elgoibar) beschreibt in seiner bitter-humorvollen Autobiografie “Subcampeón“ (Vize-Meister) seine fußballerische Karriere bei Real Sociedad und die daraus folgende schwere psychische Krise, die ihn am Ende als Komiker ins Fernsehen führte.

haitz215. Juni 2003, Vigo. Das Team von Real Sociedad führt die spanische Liga zwei Spiele vor Schluss mit einem Punkt Vorsprung vor Real Madrid an. Mit einem Sieg gegen Celta Vigo könnten die Kicker aus Donostia die Meisterschaft gewinnen. Alle im baskischen Team sind hoffnungsvoll – nur einer nicht. Es ist fast nicht zu glauben, aber einer der Spieler auf der Bank der Blau-Weißen (“Txuriurdin“) will "mit aller Macht" verlieren. Und das geschieht schließlich auch. Was geht einem Fußballer durch den Kopf, wenn er den Ruhm eines historischen Moments, Ruhm, Prestige zurückweist und von einer saftigen Prämie nichts wissen will? Genau das versucht Zuhaitz Gurrutxaga in seiner Autobiografie "Subcampeón" (Vize-Meister) zu erklären.

Es handelt sich um die Biografie eines jungen Mannes aus einer Bauernfamilie, der im Alter von nur 21 Jahren ins Team seines Lieblingsclubs in der ersten Liga nachrückte. Die Geschichte wird in einem humorvollen Ton erzählt, mit wahrhaft lustig-komischen Episoden. Aber es handelt sich auch um ein Drama, mit dem versucht wird, die Härte psychischer Krankheiten sichtbar zu machen. "Als alle meine Träume wahr wurden, wurde mein Leben zur Hölle" – ein Blick in die dunkelsten Ecken des Ruhms und des Spitzenfußballs.

“Subcampeón" ist voll von reizvollen Anekdoten. Gurrutxaga spricht mit brutaler Aufrichtigkeit und enthüllt die dunkle Seite des Spitzenfußballs: Verrückte Nächte, Alkohol, leichter Sex und Marihuana sind auf den 356 Seiten allgegenwärtig. In vielen Fällen mit Vor- und Nachnamen. So wird zum Beispiel erzählt, wie der Südkoreaner Lee Chung-Soo seine Bierflaschen mit Whisky nachfüllte.

Gleichzeitig ist Raum für den "anderen Fußball": den der schlammigen Plätze, der Athleten aus der dritten Liga, die das Trikot durchschwitzen, die zehn Stunden lang als Lebensmittelhändler arbeiten und dann zum Training kommen, wenn viele schon beim Abendessen sind. Gurrutxaga erinnert sich auch an den ewigen baskischen Rivalen. Er lobt Athletic Bilbao und die Leute aus Bizkaia. "Das sind Leute, die nach vorne gehen, offen, ohne Komplexe." In "Subcampeón" erscheinen ehemalige Athletic-Kicker wie Gaizka Toquero, Urko Vera, Igor Gabilondo, Asier Del Horno und Trainer Marcelo Bielsa. An sie alle hat er gute Erinnerungen.

Das Buch ist in der ersten Person geschrieben, aber Gurrutxaga profitiert von der brillanten Feder von Ander Izagirre, dem Gewinner eines Euskadi-Literaturpreises. Der Ex-Real-Spieler schreibt über seine Erfahrungen – der Schriftsteller setzt sie literarisch meisterhaft um. Der Anfang von "Subcampeón" erinnert an die Biografie von Andre Agassi: "Open". Während der Tennisspieler erzählte, wie sehr er den Schläger hasst, lässt es auch der Innenverteidiger aus Gipuzkoa an Klarheit nicht fehlen. "Als Kind war ich verrückt nach Fußball, aber als ich 21 war, habe ich nicht mehr hingeschaut, weil ich ihn hasste. Die Verwirklichung meines Traums hat mein Leben ruiniert“.

Der Landjunge

haitz3Gurrutxaga war ein Jugendlicher aus dem Dorf, einfach und streng. Er fuhr zum Training nach Zubieta (dem Trainingsplatz von Real Sociedad) in einem Seat Cordoba mit getönten Scheiben und dem Aufkleber einer Diskothek seiner Heimatstadt Elgoibar. Neben ihm parkten der Ferrari 360 von Darko Kovacevic und der Porsche von Valeri Karpin. Seine Hauptsorge war damals, dass das wöchentliche Spiel am Samstag-Nachmittag stattfand, damit er abends mit seiner Clique in die Bars von Elgoibar gehen konnte, um “Klarimostos“ (Wein mit Most) zu trinken.

Bei einer U-17-Weltmeisterschaft teilte Zuhaitz das Zimmer mit den späteren Weltmeistern Iker Casillas und Xavi Hernández. Aber eines Tages erlitt Gurrutxagas Gehirn einen Kurzschluss. Wahrscheinlich lag es an den hohen Anforderungen und dem Druck. Danach begann ein Karussell von Aussetzern, absurden Platzverweisen, unverständlichen Elfmetern. Der Txuriurdin war kein aufstrebender Stern mehr, sondern ein Unglücksrabe. "Meine Karriere verlief wie eine Rakete: Sie stürzte ins Verderben".

Kein Sex

Doch das Schlimmste sollte noch kommen. Ein Einbruch in seinem Haus löste bei Gurrutxaga eine Zwangsneurose von wahnhaften Ausmaßen aus. Er geriet in Panik in der Vorstellung, den Ofen angelassen oder die Haustür nicht abgeschlossen zu haben. Später lebte er in der Angst, dass er sich mit jeder Substanz vergiften könnte. Er erzählt, wie er es eines Tages als Außenverteidiger spielend vermied, am Spielfeldrand zu laufen, weil er eine blutige Mullbinde neben der Trainerbank sah.

Seine Zwangsvorstellungen nahmen weiter zu. Aus Angst vor Krankheiten vermied er jeden noch so minimalen Kontakt mit den Fans. Seine Hände schälen sich vom vielen Waschen, aus Angst vor AIDS praktizierte er fast zwei Jahre lang keinen Sex. "Ich war attraktiv und spielte in der ersten Liga, was geschah mit mir? Für all jene, die nicht wissen, was eine Zwangsstörung ist, mag die Erzählung übertrieben oder unrealistisch erscheinen. Aber diejenigen, die mit dieser schweren Krankheit zu kämpfen hatten, sagen vielleicht, dass die Geschichte zu kurz greift:

Obsessive Compulsive Disorder

Die Zwangsstörung oder Zwangserkrankung (englisch: obsessive-compulsive disorder bzw. OCD) gehört zu den psychischen Störungen. Für erkrankte Personen besteht ein innerer Zwang oder Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Betroffenen wehren sich zwar meist gegen diesen auftretenden Drang und erleben ihn als übertrieben und sinnlos, können ihm willentlich jedoch meist nichts entgegensetzen. Die Störung bringt deutliche Belastungen und Beeinträchtigungen des Alltagslebens und sozialen Lebens mit sich.

Gurrutxaga erreichte seinen Tiefpunkt in Vigo. Dort verließ er die erste Liga und begann eine Reise durch Clubs in der zweiten und dritten Liga. Zuerst mit dem gleichen Ergebnis: absoluter Misserfolg. Sein Neustart kam, nachdem er eine Therapie bei einem Psychologen begonnen und sich dem Bizkaia-Club Lemona angeschlossen hatte. "Das Team, auf das ich am meisten stolz bin, in meinem Leben gespielt zu haben". Gurrutxaga hatte während seiner Zeit bei Rayo Vallecano begonnen, in der Freizeit Theater zu studieren – Freizeit hatte er eine Menge, weil er kaum ins Team berufen wurde). Er kreierte eine besondere Figur: einen knallharten Verteidiger, der immer bereit war, sich auf einen Kampf einzulassen, um seine Gegner zu verunsichern. Und erneut erlebte er glorreiche Momente: Vizemeister in einem Föderations-Cup, Gruppensieger mit Zamora, ein Sieg im Liga-Pokal mit Real Unión Irun gegen Real Madrid.

Gurrutxaga trat im Alter von 35 Jahren zurück. Seitdem widmet er sich dem Showgeschäft: Er singt, moderiert Fernseh-Sendungen oder hält humorvolle Monologe über seine Zwangsstörung. Auf den 356 Seiten seines Buches werden die Mitglieder der baskischen Heavy-Gruppe “Su Ta Gar“ ebenso erwähnt wie der sexistische Ex-Fußball-Präsident Luis Rubiales, der abgedankte König, der Sänger David Bustamante. Oder der englische Fußball-Spieler und Trainer John Benjamin Toshack von Real Sociedad, der den Mut hatte, den jungen Zuhaitz aus Elgoibar bei Trainings-Spielen als Linienrichter einzusetzen, zu einer Zeit, als der Junge so unkonzentriert und besessen war, dass er mit dem rechten Fuß nicht auf die Linien des Spielfeldes treten konnte.

Buchvorstellung Bilbo

Die Buchvorstellung in der Stadt des Clubs Athletic Bilbao begann mit einem Paukenschlag: zum Einlauf der beiden Protagonisten wurde die Hymne von Real Sociedad San Sebastian gespielt – unter eingefleischten Fans eine Art Sakrileg, wenn dies am falschen Ort geschieht. So beeilte sich Zuhaitz Gurrutxaga festzustellen, dass nicht er es war, der zum Abspielen dieser Musik veranlasst hatte. Das Publikum nahm es mit einem ersten herzhaften Lachen. Es folgte ein Abend, an dem die Zeit wie im Flug verging und Tränen flossen. Freundentränen.

In einem Spiel unter Trainer Javier Clemente verließ Zuhaitz vollends die Motivation, weiterzuspielen. Weil der Trainer jedoch keine Anstalten machte, ihn auszuwechseln, “blieb mir nur die eine Möglichkeit, eine Verletzung vorzutäuschen. Niemand soll glauben, dass ich auf diese Entscheidung heute besonders stolz bin. Ich blieb also auf dem Rasen liegen und machte die typische Wechsel-Handbewegung. Doch ich musste noch zurück zur Auswechselbank, und vor mir lagen etwa 45 Meter über den Rasen, auf denen ich meine Verletzung unter Beweis stellen musste. Ich versuchte mich zu konzentrieren und humpelte in Richtung Bank. Irgendwann war ich mir nicht mehr sicher, ob es das linke oder das rechte Bein war, das ich mir scheinbar verletzt hatte. Als ich an der Linie war, kam der Trainer auf mich zu und sagte mir ganz direkt: Du hast doch gar nichts!“

Solche und ähnliche Geschichten erzählte Zuhaitz Gurrutxaga bei der Vorstellung am 18. Dezember im Kulturcafé BIRA in Bilbo. Das Publikum im voll besetzten Raum lachte Tränen und der Ko-Autor fühlte sich genötigt, sich zu entschuldigen. “Ich weiß, dass das zum Lachen ist, aber gleichzeitig weiß ich, dass hinter diesen Anekdoten eine Leidensgeschichte steht, sodass ich oft ins Zweifeln komme, ob ich darüber überhaupt lachen darf. Was mir dabei hilft, ist die Haltung von Zuhaitz selbst, der solche Geschichten mit einer enormen Selbstverständlichkeit erzählt und teilweise selbst darüber lacht.“

Das Buch “Subcampeón – Vizemeister“ ist seit zwei Monaten auf dem Markt und geht bereits in seine dritte Auflage. Die Hälfte des 50-köpfigen Publikums nahm sich ein Buch mit, nicht ohne die Gelegenheit zu einer persönlichen Widmung wahrzunehmen. Gurrutxaga selbst warnte davor, dass er als baskischer Muttersprachler auf Kriegsfuß stehe mit den spanischen Sonderzeichen auf den Buchstaben, die es im Baskischen ja nicht gibt. Doch das war den mehrheitlich spanisch-sprachigen Anti-Fußball-Fans an jenem Abend sicher völlig egal.

Die Fotoserie stammt von der erwähnten Buchvorstellung in Bilbo, bei denen das Schreiber-Duo Zuhaitz Gurrutxaga und Ander Izagirre das Werk vorstellte.

Die besten Anekdoten

Straßenfußball in Mexiko. Zuhaitz Gurrutxaga und Igor Gabilondo, ehemaliger Kicker bei Real Sociedad und Athletic Bilbao, spielen inkognito in einer Liga verschiedener Unternehmen gegen Anwälte aus Morelia. Sie gewinnen 7:0.

Elfmeter im La-Coruña-Stadion Riazor. Real Sociedad bekommt einen Elfmeter gegen Deportivo zugesprochen, weil Gurrutxaga aus Angst, mit dem rechten Fuß auf die Strafraum-Grenze zu treten, umfällt.

Hass auf den Fußball. Gurrutxaga ist zurück. Am Freitag wird er vom Trainer nicht zum Team berufen, am darauf folgenden Montag erscheint er zum Training, ohne zu wissen, wie das Spiel seiner Mannschaft am Wochenende ausging. "An ihren Gesichtern erkannte ich, dass wir verloren hatten.“

Zuhaitz ist übrigens kein besonders verbreiteter baskischer Männername. Auch wenn er zu den urtypischen seiner Sorte gehört: Landschafts-Beschreibungen wie Wind, Erde, Fluss, Dschungel, Wolke, Schnee, Blume, Meer. Zuhaitz bedeutet ganz schlicht Baum.

ANMERKUNGEN:

(1) “Cumplir mi sueño me jodió la vida” (Die Erfüllung meines Traums hat mein Leben durcheinander gebracht), El Correo, 2023-12-11 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Gurrutxaga / Izagirre (relevo)

(2) Zuhaitz Gurrutxaga (relevo)

(3) Zuhaitz Gurrutxaga (marca)

(4) Gurrutxaga / Izagirre (relevo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-12-17)

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