kick2324aDer Trainer ist der Star

Üblicherweise wird die Geschichte des Fußballs über Team-Erfolge erzählt. Von Stars, die für diese Erfolge verantwortlich sind. Oder von zahlungskräftigen Sponsoren und Präsidenten, die sich Weltauswahlen zusammenkaufen, um Siege zu feiern. Trainer sind dabei ein notwendiges Übel, austauschbare Mosaiksteine, im besten Fall geben sie unanständige Interviews und liefern Schlagzeilen. Die Saison 2023-2024 hat diese Randfiguren des Fußballs ins Rampenlicht gezerrt. Mit Basken an vorderster Stelle.

Ein Abstieg, ein Aufstieg, ein Pokal, ein Vizepokal, zwei Europa-Plätze, sieben Europameister – rein statistisch könnte so die fußballerische Bilanz der neun baskischen Profiteams lauten. Doch hinter Zahlen stehen Geschichten, die in diesem Fall vor allem von Trainern geschrieben wurden.

Die Zukunft des modernen Fußball liegt in Arabien. Nicht wegen der letzten WM, auch nicht wegen einer plötzlichen Anhäufung von Talenten … in Arabien liegt das Geld auf der Straße, das schmutzige Ölgeld. Die Region hat sich zum Prototyp des Klima-Kapitalismus gemausert, es gibt nichts, was nicht seinen Preis hätte. Dazu zählen selbstverständlich auch die besten Kicker-Stars der alten Kontinente. Dagegen wirken Provinz-Clubs wie Osasuna oder Deportivo Alaves wie Relikte aus dem Mittelalter.

In der vergangenen Fußball-Saison, die mit der Europa-Meisterschaft ihren Abschluss fand, waren überraschenderweise die Trainer die Stars. Nicht nur wegen der definitiven Abwanderung von Superstars wie Messi und Ronaldo, sondern weil baskisches Fußball-Wissen auf fruchtbaren Boden fiel.

Stellt sich die Frage, weshalb es gerade baskische Übungsleiter sind, die für die großen Erfolge verantwortlich zeichnen. Eine erste Antwort könnte sein, dass sie im Baskenland nicht nur die technischen Fertigkeiten des Kicksports erlernt haben, sondern darüber hinaus eine Philosophie in diesem Sport aufgesogen haben, in der nicht allein Geld und Leistung die erste Geige spielt, sondern auch Integration, Treue und Teamgeist – so altertümlich, unprofessionell und unkapitalistisch das auch klingen mag. Lautsprecher wie Mourinho, Guardiola oder Klopp passen nicht in dieses Bild – bekannte baskische Spieler wie Joseba Exteberria, Julen Guerrero oder Xabi Alonso sind trotz beachtlichen Erfolgen immer bodenständig geblieben und haben Fußball nicht nur gespielt, sondern auch erlebt, genossen und gearbeitet, ohne die namenlosen Helfer an der Seite zu vergessen.

Der Apotheker

Xabi Alonso zum Beispiel. Der zu aktiven Zeiten bekannt dafür war, dass er Pässe spielen konnte wie Zidane, Schuster oder Maradona, begann bescheiden in der dritten Liga seiner Trainer-Karriere. Auch noch bei seinem Hausverein Real Sociedad San Sebastian (Donostia). Als Ende 2022 ein Notruf kam, aus einer westdeutschen Pillenstadt wegen akuter Abstiegsgefahr, machte der Tolosaner den Schritt auf die internationale Bühne. Unter seiner Führung erreichte das mit einigen Stars der zweiten Reihe gespickte Team einen beachtlichen sechsten Platz.

Im folgenden Jahr stellte das Team alle vorstellbaren Rekorde ein, wurde ohne Niederlage zum ersten Mal Meister, dazu Pokalsieger und ging in 51 Pflichtspielen ungeschlagen vom Platz. Erst das folgende – ausgerechnet das Finale in der Europa-League – ging verloren. Dem erfolgreichen Xabi Alonso regneten die Angebote nur so ins Haus, die Frage war nur, zu welchem Spitzenclub er gehen würde, nach England, Italien oder zu Bayern. Doch der Baske stand zu seinem Wort und dem Vertrag mit dem unsäglichen Club, dessen Standort von Neverkusen in Leverkusen geändert wurde.

kick2324bMendi, der Grieche

Jose Luis Mendilibar aus dem bizkainischen Zaldibar gehörte über lange Etappen seiner Trainer-Laufbahn sicher nicht zu den 150 bekanntesten Coaches in Europa, weil er fast nur im Baskenland gearbeitet hatte. Das änderte sich in der Saison 2022-2023, als er im Frühjahr das dahinsiechende Team vom FC Sevilla übernahm, um die Relegation in die zweite Liga zu verhindern. Aus dem Himmelfahrtsjob im launischen Club am Guadalquivir wurde Mendis erster Titel und das auch noch auf europäischer Ebene, gegen das AS Rom des großkotzigen Mourinho. So verdiente sich der Europa-Held eine Vertragsverlängerung, die jedoch schnell mit einer schallenden Entlassung a la Sevilla endete.

Wer gedacht hatte, Mendi würde sich mit seinen 63 Lenzen womöglich auf dem Gipfel seiner Laufbahn zurückziehen, sah sich getäuscht, ein neuer Job war nur eine Frage der Geduld. Der Anruf kam diesmal aus dem fernen Griechenland, wo Olympiakos Piräus vergleichbare Probleme hatte wie Sevilla ein Jahr zuvor. Eine Art von Deja-Vu, die sich zu einer Wiederholung des Märchens von Sevilla entwickelte. Nach einer Siegesserie in der Liga erreichte Mendi mit seinem Team gegen favorisierte Gegner das Finale der Conference-League und gewann gegen Florenz. Der Sommernachtraum hatte sich wiederholt, erneut stand der Zaldibartarra im Rampenlicht und feierte fröhlich. Bleibt abzuwarten, wie lange seine Vertragsverlängerung Bestand hat …

Die Ameise

Eigentlich ist Ernesto Valverde kein Baske, er wurde in Extremadura geboren. Als Baby kam er mit seiner Familie nach Vitoria-Gasteiz, wo er das Kicken lernte. So wurde er zu einem Ausbildungs-Basken, das reichte aus, um später bei Athletic Bilbao aufgenommen zu werden, dem einzigen Club, bei dem nur Basken spielen. Nach seiner Laufbahn als Aktiver begann er eine zweite als Übungsleiter, ebenfalls bei Athletic, in den unteren Abteilungen. Seit er 2003 zum ersten Mal das Erstliga-Team übernahm, brachte es Valverde auf drei Etappen als Bilbo-Trainer, nie wurde er entlassen, immer hätte er bleiben können, immer war die Freude groß über das Widersehen.

So auch im Sommer 2022, als Ernesto – “txingurri“, die Ameise genannt – einen Neuaufbau begann nach Krisenjahren bei Athletic, die sich in der Abwesenheit bei Europa-Turnieren niederschlug. Selbst die zwei Meisterschaften, die er mit dem großen FC Barcelona gewann, waren nichts im Vergleich zu dem, was er mit einer verjüngten Truppe bei Athletic im April 2024 erreichte: das Team holte den spanischen Pokal, der erste Titel für den Club nach 40 Jahren Enthaltsamkeit. Die Gabarra fuhr den Fluss entlang, eine Million Menschen feierten in Bilbao wie die Kinder, die Stadt stand Kopf und Valverde wurde zum unsterblichen Helden der Geschichte. Auch wenn er von solchen Ehrentiteln wenig hält. Mittlerweile hat keiner mehr Spiele mit Athletic an der Seitenlinie verbracht, die alten Legenden wurden alle übertroffen, er selbst wurde zu Lebzeiten zu einer. Mit einem Club, der allein von einheimisch-baskischer Fußballkunst lebt, den Pokal in der “stärksten Liga der Welt“ zu gewinnen, ist nicht nur Europa-, sondern Welt-Rekord. Wenn er wollte, bekäme er einen Vertrag auf Lebenszeit. Aber Che Ernesto verlängert immer nur ein Jahr.

Hausgemacht aus Orio

Wenn der Begriff “Eigengewächs“ auch für Trainer zutreffen würde, wäre Imanol Alguacil die Personifizierung. Seine gesamte Arbeit als Teambetreuer zwischen 2010 und 2024 leistete er in verschiedenen Clubs in Gipuzkoa, die keine 20 Kilometer voneinander entfernt liegen. Zwei Mal durfte er große Kollegen ersetzen, seit 2018 blieb er erfolgsverwöhnt definitiv bei den “Txuri-Urdin“ (Blau-Weißen) von Real Sociedad.

Regelmäßig erreichte Imanol mit seinen Teams Europa-Turniere, im vergangenen Jahr sogar die Champions-League. Die Gruppenphase ergab einen ersten Platz ohne Niederlage, erst im Achtelfinales kam das Ende gegen Paris. Im Pokal verpasste Imanol mit seinem Team im Halbfinale ein erneutes Finale gegen Athletic. Mit seinem schnörkellosen, manchmal etwas platten Diskurs kommt Imanol beim Publikum bestens an und erfreut sich großer Beliebtheit: „Einer von uns“ in Gipuzkoa.

Der Euskara-Freund

Als Trainer sechs Jahre bei einem Club arbeiten zu können ist im schnell-lebigen und erfolgs-abhängigen Fußball-Geschäft eine Seltenheit. Jagoba Arrasate wurde diese Ehre bei Osasuna in Pamplona (Iruñea) zuteil. 2018 übernahm er das Team in der zweiten Liga, stieg auf und konnte seither “die Klasse halten“ und sogar in ein Pokalfinale ziehen. Sein freiwilliger Abschied aus der Hauptstadt Navarras im Sommer 2024 versetzte die Fans in fußballerische Trauer. Was ihn aus der Fassung brachte, war ein eigener Spieler, der (ausgerechnet gegen Athletic) ein brutales Foul beging. Der folgende Platzverweis, eine Schwächung seines Teams, störte Jagoba weniger als die Respektlosigkeit gegenüber dem Gegner. Wenige Trainer sagen so etwas auch noch öffentlich.

Auch wenn er sich dementsprechend nie geäußert hat, ist klar, das Jagobas Herz links schlägt. Nachdem er von Journalisten angemacht wurde, weil er bei einer Pressekonferenz eine baskische Frage auf Baskisch beantwortete, machte er seine Verbundenheit mit dem Euskara deutlich und rief Fußballer und Verantwortliche auf, sich für die Sprache einzusetzen und der heranwachsenden Jugend mit gutem Beispiel voranzugehen. Als er vom baskischen Fußball-Verband mit der Betreuung des Teams beim Freundschaftsspiel gegen Uruguay beauftragt wurde, nahm er diesen Extrajob mit den Worten an, das dies für ihn eine große Ehre darstelle – der baskische Verband kämpft für allgemeine Anerkennung und Zulassung zu internationalen Turnieren.

kick2324cDer mexikanische Baske

Javier Aguirre wird “der Baske“ genannt, obwohl er nicht wirklich einer ist. Seine ausgewanderten Ahnen hingegen schon, wie sein Familienname zeigt. Aguirre machte sich bei Osasuna einen Namen, wo er 1986 zuerst als Kicker aktiv war und dann von 2002 bis 2006 als Trainer attraktiven Fußball spielen ließ. Auf seiner langen Odyssee landete er auf der Balearen-Insel Mallorca, um mit schmalen Budget den Klassenerhalt zu schaffen. Ganz nebenbei erreichte er im April 2024 das Finale des spanischen Pokals, nachdem im Halbfinale das Campions-League-Team aus Donostia ausgeschaltet wurde. Dabei hatte er sich als Fuchs erwiesen, denn als es ans Elfmeterschießen ging, verzichtete er auf eine seriöse Vorbereitung und ließ seine Kicker schon mal lustig feiern und lachen. Trotz Spaßfaktor wurden alle Elfmeter verwandelt, La Real gelang das nicht. Im Finale gegen Athletic konnte der Coup glücklicherweise nicht wiederholt werden. Für den Beinahe-Absteiger Mallorca und Trainer Aguirre dennoch ein großer Erfolg. Der fand zu Saisonende keine Belohnung, Aguirres Vertrag wurde nicht verlängert. Aus der Presse erfuhr er, dass seine (erfolgreichen) Trainingsmethoden als nicht zeitgemäß genug betrachtet wurden. Er reagierte und sprach von Feigheit der Vereins-Verantwortlichen: “Sie haben nicht den Mumm, mir ihre Kritik ins Gesicht zu sagen“. Worte eines Basken.

Zweite Garde

Zum Midsummer-Helden wurde der Team-Zusammensteller der im Baskenland wenig geliebten spanischen Auswahl, “die Roten“ genannt. Luis de la Fuente, einstiger Linksverteidiger, der mit Athletic Bilbao in den 80er Jahren zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, startete seine Trainerkarriere im Sommer 2000 in der dritten spanischen Liga bei einem Klub namens CD Aurrera de Vitoria. Nach wenig prickelnden Monaten wurde er vor die Tür gesetzt. Zurück in Bilbao durfte er 2006 zunächst die zweite Garnitur trainieren, wurde zwischenzeitlich "Koordinator" für die erste und ging 2009 wieder “ins zweite Glied“ zurück. Eine große Trainerkarriere war da sicher nicht zu erwarten. Ein Intermezzo bei Deportivo Alaves endete im Desaster, bevor 2013 der Ruf kam, sich um die nationale Jugend zu kümmern. Abseits der Medien klappte das ganz gut.

Als er nach der WM in Katar zum neuen spanischen Teamchef erkoren wurde, hatte er zwar schon zwei Europa-Meisterschaften gewonnen (U19 und U21), doch die Fachwelt setzte keine Pesete auf ihn. Er war nichts als die Übergangslösung, bevor wieder ein “großer Name“ für den Job gefunden würde und wurde “Luis der Kurze“ genannt. Allen Unkenrufen zum Trotz stellte der Riojaner für die EM ein “Elf-Freunde-Team“ zusammen und gewann das Turnier (in Deutschland) nach sieben Siegen in Folge. Mit vielen jener Jugendlichen, die er zehn Jahre zuvor kennengelernt und gecoacht hatte. Er gab einen neuen Spielstil aus, ließ vertikaler spielen und holte zwei blutjunge Flitzer auf die Flügel, die von keinem Gegner zu halten waren. Keine Bilderbuchkarriere, nur ein Sommernachtsraum.

Ersatzleute

Ex-Eibar-Held Gaizka Garitano wurde im Herbst 2023 als Ersatztrainer nach Almeria berufen, nachdem der Neu-Aufsteiger nicht vom Abstiegsplatz wegkam. Trotz attraktiven Spiels konnte auch er das Steuer nicht herumreißen und wurde vor dem definitiven Abstieg selbst entlassen. Iñigo Perez aus Pamplona mit Athletic-Erfahrung wurde Cheftrainer bei Rayo Vallecano, dort hatte er ein Jahr zuvor als zweiter Mann hinter Andoni Iraola agiert.

Zweite Klasse

Nach Gaizka Garitano verpasste auch der neue Coach Joseba Etxeberria (Ex-Athletic Angreifer) den Wiederaufstieg mit SD Eibar. In der dritten Aufstiegsrunde in Folge blieb der Club aus der gipuzkoanischen Waffenstadt wieder knapp auf der Strecke. Jon Perez Bono (Ex-Athletic und Osasuna) schaffte es umgekehrt, das mäßig starke Team von Burgos CF in der zweiten Liga zu halten. Spieler-Legende Julen Guerrero, der Athletic trotz der Angebote finanzstarker spanischer Clubs immer treu geblieben war (1992-2006), ist ein neuer Stern am Trainer-Himmel. Nach dem Abstieg von SD Amorebieta (Zornotza, Bizkaia) aus der zweiten Liga, übernahm er nach seiner Erfahrung mit Real-Madrid-Jugendteams sein erstes wichtigeres Amt als Coach – auch Xabi Alonso hatte in der dritten Liga angefangen. Carlos Gurpegi (Ex-Athletic) erfüllte bei seinem alten Club die Aufgabe, das Junioren-Team Bilbao Athletic aus der vierten in die dritte Liga zurückzuholen. Der Abstieg ein Jahr zuvor war für den Club aus Bilbao eine kleine Katastrophe, weil das “zweite Team der Löwen“ erstens das Ersatz-Reservoir für Notfälle während der Saison darstellt und zweitens das Sprungbrett für den Nachwuchs. Ein Abstand von drei Liga-Niveaus hatte diese Funktionen in Frage gestellt.

kick2324dInselexporte

Die englische Premier League ist eines der bevorzugten Ziele baskischer Trainer, oder umgekehrt: baskische Coaches sind auf der Insel besonders begehrt. Mikel Arteta zum Beispiel hat fast seine ganze Laufbahn als Aktiver bei Rangers, Everton und Arsenal verbracht (Kurzgastspiel La Real) und ist seit 2019 erfolgreicher Trainer bei den “Gunners“. Ein FA-Cup gegen Chelsea, zwei Mal schrammte das Team knapp am Titel vorbei und musste Guardiolas Manchester City vorbeiziehen lassen – für den Club die größten Erfolge seit Jahren.

Der bereits mit Sevilla und Villareal in der Europa-League vier Mal erfolgreiche Unai Emery aus Hondarribia wurde nach seinen Stationen bei Valencia, Spartak Moskau, PSG und Arsenal nach Birmingham berufen zum dort ansässigen Liga-Gründerclub Aston Villa. Die Saison endete mit einem erfolgreichen vierten Platz, der die Champions-Qualifikation bedeutet. In der Conference-League scheiterte Emery allerdings im Halbfinale im “baskischen Duell“ gegen Jose Luis Mendilibars Olympiakos.

Nach erfolgreichen Stationen bei Larnaca, Mirandés und Rayo Vallecano (Aufstieg in die erste Liga) begann auch Andoni Iraola einen englischen Weg beim AFC Bournemouth. Des Abenteuers erstes Kapitel endete mit einem sicheren 12. Platz. Auch Julen Lopetegi (Sevilla, Real Madrid und spanischer Auswahltrainer) versucht sich in der Premier. Im November 2022 heuerte er bei Wolverhampton Wanderers an. Es gelang ihm, das Team aus den Abstiegsrängen zu führen und mit dem 13. Rang den Erhalt zu sichern. Im August 2023 trat er jedoch angesichts fehlender Neuverpflichtungen und des Verkaufs von Spitzenspielern von seinem Posten zurück. Im Mai 2024 wurde er offiziell zum Team-Manager des West Ham United FC ernannt.

Didier Deschamps aus Baiona (Bayonne) hat als Spieler mit Olympique Marseille und Juventus Turin zwei Mal die Champions und mit der französischen Auswahl 1998 die Weltmeisterschaft gewonnen, 2018 auch als Trainer (seit 2012). Der Baske mit den meisten Spielen an der Seite der französischen Auswahl schied bei der Europa-Meisterschaft allerdings enttäuschend im Viertelfinale aus. Anders als de la Fuente hatte er kein homogenes Team zur Verfügung, sondern nur einen Haufen Stars.

Und sonst? Aitor Karanka (Gasteiz, Athletic) ist nach den Stationen Real Madrid, Middlesbrough, Nottingham, Birmingham, Granada und Maccabi Tel Aviv derzeit arbeitslos. Athletic-Altstar Javier Clemente (Barakaldo) hat nach einem Dutzend Trainerstationen im Staat (drei Mal Athletic) und den Jobs als Auswahltrainer von Spanien, Serbien, Kamerun, Euskadi sowie zwei Mal Libyen (Afrikameister) ebenso ohne aktuellen Auftrag. Mit 74 Jahren könnte der Meistermacher von Athletic (1983 und 1984) ans Aufhören denken. Wer weiß.

Frauen-Fußball

In der ersten Liga Femenina vertreten waren in der abgelaufenen Saison Athletic Bilbao (5. Rang), Real Sociedad (8.) und Eibar (10.). Der Aufstiegs-Versuch von Osasuna aus der Zweiten scheiterte erneut im Playoff, Alaves schaffte den Wiederaufstieg ebenfalls nicht. Nach drei Jahren hinter den Konkurrentinnen aus Donostia stellten die Damen von Athletic (bei denen wie bei den Herren nur Kickerinnen aus dem Baskenland zum Einsatz kommen) die alte Hierarchie wieder her und ließen die Donostiarras drei Plätze hinter sich.

Bemerkenswerteste Nachricht aus baskischer Sicht war die Qualifikation von La Real für das Pokalfinale. Leider ausgerechnet gegen Frauen von Barcelona, die zum fünften Mal in Folge die Liga zu einem Wettbewerb um Platz zwei bis sechzehn degradierten, indem sie in dreißig Spielen nur ein einziges Unentschieden zuließen. Entsprechend langweilig war das Endspiel (0:8) um den Cup, der unsäglicherweise (angelehnt an franquistische Tradition), “Pokal der Königin“ genannt wird.

Athletic

kick2324e40 Jahre lang ohne Titelgewinn zu fristen, kann die härtesten Fußballfans zu Verzweifeln bringen – ein auf die Durststrecke folgender Erfolg die Gemüter zum Überschäumen. Dass das Jahr 2024 in die Geschichte des einzigen europäischen Clubs eingehen wird, ein dem nur regionale (baskische) Spieler*innen eingesetzt werden, steht seit dem 6. April definitiv fest. An jenem Tag gewann Ernesto Valverdes Athletic gegen Javier Aguirres Mallorca im Elfmeter-Schießen. 80.000 Personen waren aus Bizkaia in den Finalort Sevilla gereist, nur die Hälfte hatte Eintrittskarten. Aber darauf kam es gar nicht an: dabei sein war alles. Dabei sein hieß es auch, als ein Lastkahn mit dem versammelten Team und Betreuerstab Tage später den Fluss auf und ab gondelte, um die historische Leistung in aller Öffentlichkeit gebührend zu feiern. Eine Million Fans, die dreifache Einwohnerzahl von Bilbao, stand in rot und weiß an den Ufern und genoss den Tag.

Nach diesem Erfolg wird Athletic zum Supercup eingeladen, der seltsamerweise seit Jahren in Saudi Arabien stattfindet – wie gesagt, alles hat seinen Preis in Ölwährung. Auch Europa darf sich wieder über bilbainische Beteiligung freuen. Den Abgängen von Muniain und Raul Garcia stehen vielversprechende Neu-Verpflichtungen gegenüber. Dazu kommen könnte sogar Europameister Aymeric Laporte, der bei Athletic groß wurde. Wie lange der Europameister-Star Nico Williams San Mames noch sein Heimstadion nennen wird, steht in den Sternen – halb Europa ist mit vielen Millionen hinter ihm her.

Real

Trotz Champions-Teilnahme erlebte das Team aus Gipuzkoa (Basken, Spanier, Afrikaner, Europäer, Japaner) eine eher durchwachsene Saison. Der Sensation, die Gruppenrunde ungeschlagen zu meistern. folgte die Ernüchterung gegen Saint Germain. Die Neueinkäufe waren nicht eben die großen Bringer, häufig hing das Spiel der Realisten ab von der Tagesform des Japanstars Kubo. Das Karriereende von Kreativspieler David Silva wegen Kreuzbandriss war ausgesprochenes Pech und markierte die Saison, die bezeichnenderweise hinter Athletic endete.

Die Planerfüller

Osasuna und Deportivo Alaves erfüllten jeweils das Plansoll, welches im Nichtabstieg bestand. Dabei konnten beide auf ein vorbildlich treues Fanpublikum zählen, das alle Hochs und Tiefs erträgt und überwindet. In der Winterpause verscherbelt wurde bei Osasuna das argentinische Enfant Terrible Chimy Avila, der die Fans regelmäßig mit sportlichen Geniestreichen oder Wahnsinn beglückte – von sensationellen Toren über ein Faschisten-T-Shirt bis zum unentschuldbaren Brutalo-Foul. Den Abschied aus freien Stücken verkündete Trainer und Sympathieträger Jagoba Arrasate, ein Typ, den man einfach mögen muss, auch wenn man keine Dauerkarte im Sadar-Stadion besitzt.

Zweite Klasse

In der zweiten Liga wurde Eibar zum dritten Mal Dritter und verpasste im Playoff erneut der Aufstieg, das konnte auch Neutrainer Joseba Etxeberria nicht verhindern. Die ganze Saison mit vorne dabei gewesen zu sein zählte am Ende wenig, die Auswärtsschwäche schlug zu stark zu Buche und war zu Hause nicht ausgleichbar. Etxebe muss einen Neustart machen, denn das Team wird neu zusammengestellt. Dass für Amorebieta auch der zweite Aufstieg in die Zweite in zwei Jahren problematisch sein würde, war allen Beteiligten klar. Immerhin hatte das Team am 42. und letzten Spieltag ein “Finale“ gegen Burgos, bei dem der Klassenerhalt hätte gesichert werden können. Es sollte nicht sein. Auf ein Neues mit Nachwuchs-Trainer Julen Guerrero.

Selekzioa

Clubübergreifender Fußball-Höhepunkt im Baskenland ist jedes Jahr ein Spiel der Euskal Selekzioa, der baskischen Auswahl. Dabei geht es nicht nur um das Vergnügen, die baskischen Kräfte an internationalen Größen zu messen. Es geht vor allem darum, der Forderung nach Anerkennung von baskischen Teams auf internationaler Ebene Nachdruck zu verleihen. Der Verband verfolgt dabei eine Art von Schottland-Modell. Der mehrfache Welt- und Amerika-Meister Uruguay war für eine solche Inszenierung hervorragend geeignet. Zudem wurden die Charrua von Trainer-Legende Marcelo Bielsa begleitet, dem in Bilbo wegen seiner Diskurse und seiner unkonventionellen Fußball-Philosophie bis heute nachgetrauert wird. Für den Kurzjob als Auswahlcoach war Osasuna-Trainer Jagoba Arrasate die beste Wahl, weil er die Anerkennungs-Forderung vertritt und wie kaum ein anderer der baskischen Sprache großen Wert im Sportgeschehen beimisst. Zum Spiel eingeladen waren Kicker aus allen baskischen Profiteams, es endete 1 zu 1 unentschieden.

Torhüter-Fabrik

Dass die Lezama-Talentschmiede von Athletic Bilbao auch eine “Torwart-Fabrik“ darstellt, bewies der Club einmal mehr in den vergangenen Jahren. In die Fußstapfen von Jose Angel Iribar (1:2 bei der WM 1966 gegen Deutschland) oder Andoni Zubizarreta sind in den vergangenen Jahren fast ein Dutzend Torhüter getreten. In der zu Ende gegangenen Saison waren sieben davon in der ersten Liga tätig: Unai Simon und Julen Agirrezabala bei Athletic, Alex Remiro bei La Real, Kepa Arrizabalaga bei Real, Aitor Fernandez bei Osasuna, Raul Fernandez bei Granada und Ander Astralaga bei Barcelona. Zwei der drei Torhüter bei der EM (Unai und Alex) kommen aus Lezama.

Das Geheimnis verrät der Verantwortliche der Keeper-Abteilung in Lezama, Peio Agirreoa. Talentsuche, methodologische, physische und psychologische Arbeit gehören zur Basis. “Viele Faktoren spielen eine Rolle, unter anderem die spezielle Abteilung, die wir in Lezama haben. Wesentlich war, dass wir in den letzten zehn Jahren, als die genannten Spieler zu Profis wurden, in völliger Freiheit arbeiten und Entscheidungen aller Art treffen konnten. Dazu kommt ein Team von Leuten erster Klasse. In Lezama haben die besten Torwart-Trainer der Welt ihre Spuren hinterlassen … es reicht nämlich nicht, gute Schüler zu haben, zur Entwicklung sind auch die besten Lehrer nötig“.

Fußnoten

Wie selten zuvor machte die in Germany ausgetragene Eurocopa deutlich, welche Bedeutung baskische Spieler in der spanischen Auswahl haben. Gleichzeitig wurde klar, dass eine baskische Selekzioa auf internationaler Ebene problemlos mithalten könnte, auch bei einem Turnier wie der EM. Neun Spieler aus baskischen Teams standen im Aufgebot (vier von Athletic, fünf von La Real), am Finale selbst nahmen sieben von ihnen teil, die beiden Siegtore erzielten baskische Spieler.

Dass Iñigo Martinez im Sommer 2023 die Chance genutzt hat, ablösefrei zum FC Barcelona zu wechseln, wird er angesichts des historischen Pokalsiegs von Athletic 40 Jahre danach zutiefst bereut haben. Zudem kam er bei Barca wegen Verletzungen und Konkurrenz kaum zum Einsatz. Cesar Azpilicueta zog bei seiner Rückkehr von der Insel Atletico Madrid als Alterssitz vor und wird sich wie Martinez über den entgangenen Pokal ärgern, in Bilbo wäre er willkommen gewesen. Aymeric Laporte ging für viel Geld nach Arabien, nachdem der bei Athletic groß gewordene bei City ausgemustert worden war. Glücklich wurde er im Ölparadies nicht, nach einer grandiosen EM-Leistung ist er in Bilbo wieder im Gespräch. Was aus Kepa Arrizabalaga werden soll, weiß er womöglich selbst nicht. Dem Athletic-Abschied des Großtalents für viele Millionen folgte der Absturz bei Chelsea. Weil der Stammkeeper von Real Madrid sich verletzte, durfte er bei den “Merengues“ ein Gastspiel abliefern, doch das nur als Zeitarbeiter.

ABBILDUNGEN:

(1) Williams (cadena ser)

(2) Mendilibar (olympiacos)

(3) Mikel Arteta (facebook)

(4) Jagoba Arrasate: Selekzioa (deia)

(5) Williams (cadena ser)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-15)



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