asnagu1Wikinger in Bilbao

Die “Landung des Guggenheim-Museums in Urdaibai“, die von widerständischen Basken auf einem Wikinger-Schiff aufgehalten wird – dieses Graffiti hat bei den Fiestas in Bilbo den Preis für die beste Gestaltung unter den 30 Fiesta-Ständen gewonnen. Die Föderation der Fiesta-Gruppen verlieh die Preise für die am besten / schlechtesten gestalteten Stände. Es gewann Pa...Ya! aus dem Stadtteil Otxarkoaga. Pa...Ya! hatte die Kritik am Plan eines neuen Guggenheim-Museums im Naturschutzgebiet umgesetzt.

Um zu einer phantasievollen Gestaltung der Fiesta-Stände anzuregen, verleiht die Föderation der Fiesta-Stände Bilboko Konpartsak jedes Jahr einen Preis für die beste und die am wenigsten gelungene Gestaltung der Txosna-Stände – unter den Konpartsas eine beliebte und gefürchtete Auszeichnung.

Kennerinnen der Aste Nagusia, der großen Fiesta-Woche in Bilbo, bemerken mit gewisser Traurigkeit, dass die Gestaltung der Fiesta-Stände – Txosnas – die zur Föderation zählenden Fiesta-Gruppen, auf BAskisch Konpartsak genannt – in den vergangenen 10 Jahren ziemlich nachgelassen hat. Gute Gestaltung bedeutet Arbeit, erst die Idee, dann das Design, dann die Umsetzung – viele machen sich diese Mühe nicht mehr. Für die im ganzen Baskenland berühmte Aste Nagusia ist dies ein qualitativer Verlust. Deshalb wird mit einem Gewinner- und einem Anti-Preis die Gestaltungs-Konkurrenz zwischen den Konpartsak angeregt.

In diesem Jahr (2024) hat die Konpartsa Pa...Ya! den Preis in Form einer Glocke gewonnen, die nun bis Fiesta-Ende am Stand aufgehängt und geläutet werden darf. Mit ihrer politisch motivierten Klage gegen das wahnwitzige Tourismus-Projekt, ausgerechnet im Naturschutz-Gebiet Urdaibai ein zweites und auch noch doppeltes Guggenheim Museum zu bauen, hat Pa...Ya! alle anderen Designs hinter sich gelassen. “Das schmälert nicht die großartigen und manchmal scharfsinnigen Ideen der übrigen Kompartsak“, so die Föderation. (1)

Einmaliges Modell

asnagu2Die basis-organisierte Fiesta-Organisation in Bilbao ist ein Relikt aus den postfranquistischen 1970er-Jahren, als soziales Engagement und Nachbarschaftsarbeit noch zum Selbstverständnis der Mehrheit der baskischen Bevölkerung gehörte. Eine soziale Bewegung par exellence. Mit den Jahren hat der Elan nachgelassen. Dazu kommt, dass den städtischen Behörden so viel Selbstorganisierung zunehmend suspekt ist. Sie würden lieber eine von einer Bier-Firma gesponserte Kommerz-Fiesta aufziehen anstatt einer Aste Nagusia (Große Woche), die von Tausenden von Freiwilligen in 30 Fiesta-Gruppen – Konpartsak – organisiert wird. In Donostia wurde das Konzept lahm gelegt, in Gasteiz und Iruñea an den Rand gedrängt. Bilbo ist die Festung der Selbstorganisation geblieben. Diese Einmaligkeit wird im ganzen Baskenland honoriert, auch in spanischen Gefilden und im Ausland. (2) (3) (4)

Aste Nagusia, die Große Fiesta-Woche

Jedes Jahr Mitte August sprießen im Zentrum von Bilbo innerhalb einer Woche riesige Ungetüme aus Elementen von Baugerüsten, die schmuck verkleidet zu den Fiesta-Ständen werden und das Herz der Fiesta – Jaiak – bilden. 30 Meter Breite und 20 Meter Höhe sind dabei keine Seltenheit. Das Ganze wird zu großen Teilen von Freiwilligen erledigt, die sich in ihrer Freizeit oder im Urlaub an die Arbeit machen. Dreißig Konpartsak, so der Name der Fiesta-Gruppen, legen sich ins Zeug um einer attraktive Txosna zu bauen, in der man gerne ein paar Biere oder Kalimotxos trinkt, oder sich mit einem Bokata den Bauch füllt.

Doch beim Aufbau einer Txosna geht es nicht nur darum, dass die Baugerüst-Konstruktion aus Eisen und Rohren den neun Tagen der Aste Nagusia standhält. Die Txosna sollte auch eine Aussage transportieren, politisch, kulturell, was auch immer. “Sie sollte zum Fest beitragen oder durch ihre Dekoration eine Idee ausdrücken.“ Mit mehr oder weniger Motivation, mehr oder weniger Sorgfalt verbringen die Fiesta-Gruppen Monate damit, ihre Ideen zu entwerfen, zu gestalten und schließlich in Form zu bringen, um sie an den Außenwänden ihrer Txosnas zu präsentieren. Seit 2007 vergibt Bilboko Konpartsak die Preise Glocke und Fliege für die beste bzw. die schlechteste Txosna in Bezug auf Struktur und Dekoration.

2024 hat die Konpartsa Pa... Ya! die Ehre, dank des auffälligen Graffitis an der Fassade als die am besten dekorierte Txosna dieser Aste Nagusia auszeichnet zu werden. In diesem Jahr hat die Gruppe aus Otxarkoaga beschlossen, das Projekt Guggenheim Urdaibai anzuprangern, indem sie eine Landung der Wikinger inszeniert, die einen Militärkreuzer mit dem Guggenheim beladen aufhält. Auf dem Kreuzer sind (im besten Sinne eines kritischen Karnevals) der Ministerpräsident Imanol Pradales, sowie die bürgerlichen Politiker Eneko Andueza (PSE), Juan Mari Aburto und Andoni Ortuzar (beide PNV) dargestellt wie sie versuchen, mit ihrem Titan-Museum in die Flussmündung einzubiegen (siehe Titelbild). Es ist das zweite Mal, dass Pa... Ya! die Glocke gewonnen hat und damit den Erfolg von 2014 wiederholt.

Bissige Ironie

asnagu3Aber wenn von Gewinner-Glocken in der Aste Nagusia die Rede ist, muss die Konpartsa Hontzak (die Eulen von der anarcho-syndikalistischen CNT) erwähnt werden, die diesen Preis am häufigsten gewonnen hat, bei insgesamt sechs Ausgaben. Die libertäre Gruppe, die zu den üblichen Verdächtigen gehört, wenn es darum geht, mit ihren Dekorationen Kontroversen auszulösen, hat sich in diesem Jahr dafür entschieden, das Laboratorium von “Doktor Aburtonstein“ nachzustellen. Darin erschafft der Bürgermeister von Bilbao, Juan Mari Aburto, ein Monster in der Uniform der Stadtpolizei, das über Leitungen aus Fässern “Gewalt, Frechheit, Rassismus, Brutalität, Machismo, Mobbing, Faschismus, Missbrauch, Angeberei und Dummheit“ injiziert bekommt – eine gelungene Anspielung auf die zunehmende Militarisierung der Stadtpolizei und deren rassistische Praxis gegenüber schwarzen Migranten.

Für den aktuellen Bürgermeister der Stadt (JM Aburto) war es nicht sehr amüsant, Zielscheibe der Witze verschiedener Gruppen zu sein, wie er bei Radio Euskadi zugab. “Es gibt Txosnas, die respektlos gestaltet sind, und ich habe das schlecht aufgenommen. Manche gehen über Kritik hinaus, bis zu Beleidigungen“, erklärte er. Die Welt der sozialen Bewegungen spiegelt sich im Rathaus wenig wieder, meist führen gegensätzliche Haltungen zu deftigen Kontroversen. Das drückt sich in der Gestaltung der Txosnas aus, die mehr als einmal auch schon zensiert wurden. Hontzak kann ein Lied davon singen.

Zensur

Dies ist jedoch nicht die einzige Pfütze, die sich die Anarchisten während dieser Aste Nagusia gesucht haben. An einer der Seiten der Theke hängt ein Plakat mit dem Gesicht des bekannten Fernseh-Kochs Karlos Argiñano und seinem ikonischen Satz “Lass uns ein wenig innehalten, Netanjahu“, begleitet von einer palästinensischen Flagge. Nach Angaben von Hontzak drohte die Inhaberin der Bildrechte des baskischen Kochs mit rechtlichen Schritten wegen “unerlaubter Verwendung des Bildes der Person, die sie repräsentieren“. Eine Maßnahme, die Hontzak mit Humor nahm. “Gelöst“, schrieben sie auf ihrem X-Account in einer Veröffentlichung, in der sie Argiñanos Gesicht mit schwarzem Klebeband über seinen Augen versahen und einem Aufkleber, der vor “Zensur“ warnte. “Wir fordern Karlos Arguiñano auf, diese Frage auf dem Feld der Ehre zu klären, in einem Duell in den Küchen der Hontzak Txosna, unter der Aufsicht der Jury der Gastronomie-Abteilung von Bilboko Konpartsak. Wir lassen ihn das Gericht wählen. Lass uns ein bisschen kochen, Arguiñano“, schrieben sie mit Spott in einer anderen Veröffentlichung.

Hausbesetzer*innen

asnagu4Wie Pa...Ya! und Hontzak analysieren auch andere Konpartsas lokale Themen in ihren Dekorationen. Dies ist der Fall von Kranba!, der Konpartsa der Hausbesetzer- und Selbstverwaltungs-Bewegung von Bilbo, die eines der brennendsten Themen der Bizkaia-Hauptstadt auf spezielle Weise angegangen ist: die Ausbreitung von Touristen-Wohnungen. “Etxe turistikoak okupatu“, ist auf der Hauptfassade über der Theke zu lesen: Touristen-Wohnungen besetzen. Auf einer Seite wird angeprangert, dass es in Bilbao “749 illegale Touristen-Wohnungen“ gibt. Unter dem Slogan “okupa ditzagun!“ (Wir können sie besetzen) wird folgende Lösung vorgeschlagen: “Such dir eine Wohnung, miete sie für zwei Tage, tausche die Schlösser aus und genieße!“

Trotz allem war das Hauptthema dieses Jahres der israelisch-palästinensische Konflikt. Konpartsak wie Kaixo, Mekauen oder Zaratas verbreiten in ihren Dekorationen Antikriegs-Botschaften, Unterstützung für das palästinensische Volk und gegen die NATO. Außerdem führen die palästinensischen Flaggen, die in praktisch allen Txosnas zu sehen sind, die Rangliste der Flaggen an, die sich von Jahr zu Jahr je nach der aktuellen sozio-politischen Lage ändert, vor Jahren waren katalanische Flaggen in der Mehrheit. Ein Zeichen dafür ist, dass die Flaggen Venezuelas und Kubas zwar immer noch zu sehen sind, die gelb-rot-gestreifte Bandera der Països Catalans jedoch zu einem seltenen Exemplar geworden ist.

Andere Themen, mit denen die Txosnas ihre Fassaden schmücken, sind das Bekenntnis zur baskischen Sprache, bei Algara (Euskaltegi) oder Hau Pittu Hau (Euskara). Sowie der Antiimperialismus unter dem Slogan “Afrika resiste“ (Afrika leistet Widerstand) bei der Gruppe Askapeña (Befreiung). Trikimailu, die 2023 die Glocke gewann, hat sich in diesem Jahr dafür entschieden, seine Txosna mit einer großen Torte zu schmücken, um ihr 10-jähriges Bestehen als Konpartsa zu feiern, ebenso wie Algara und Altxaporrue, die ihr 30- bzw. 20-jähriges Bestehen feiern. Das macht deutlich, dass nicht alle Konpartsak zu gleicher Zeit entstanden. Einige sind seit 1978 dabei, seit vor 46 Jahren dieses Fiesta-Modell ins Leben gerufen wurde; andere wurden im Laufe der Zeit gegründet, oder sind auch schon wieder in der Versenkung der Nachbarschafts-Bewegung verschwunden.

Die unangenehme Fliege

Die andere Unbekannte dieser Aste Nagusia war die Frage, welche Konpartsa die Nachfolge von Irrintzi (Athletic-Fans) antreten würde, der Konpartsa, die die letzten beiden Fliegen der schlechtesten Gestaltung einfuhren, die sich jedoch aufgelöst hat und nicht mehr Teil von Bilboko Konpartsak ist. In Abwesenheit dieser Fußball-Konpartsak hat Moskotarrak den Staffelstab von den Rot-Weißen (Athletic) übernommen und in ihrer Dekoration die Konpartsa an den Pokal erinnert, den Athletic im vergangenen April gewonnen hat. Eigentlich gar nicht so schlecht gemalt, aber etwas einfallslos. Der Bezug zu Athletic ist nicht das Einzige, was die Veteranen-Truppe (eine der ältesten Konpartsak) von den Fußball-Fans geerbt hat, denn wie Irrintzi im letzten Jahr muss Moskotarrak auch die Fliege, die sie als die Txosna mit dem geringsten Flair auszeichnet, an einem sichtbaren Ort aufhängen. Zumindest bis nächsten Sonntag, wenn die Jaia-Figur Marijaia (Fest-Marie) den Fluss herabfährt und die Aste Nagusia den Vorhang fallen lässt. So lange wird die Glocke geläutet, die die Fliegen sitzen dort, wo sie am liebsten sitzen …

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “El desembarco de Guggenheim Urdaibai bien vale una Campana” (Die Landung des Guggenheim Urdaibai ist einen Preis wert), Tageszeitung Gara, 2024-08-22 (LINK)

(2) "Fiestas, Jaiak im Baskenland – Volksfeste, Wege des sozialen Wandels", baskultur.info  (LINK)

(3) "Fiestas in Bilbao (1) - Aste Nagusia seit 1978", baskultur.info (LINK)

(4) “Fiestas in Bilbao (2) – Nichts geht ohne die Konpartsak", baskultur.info  (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Foto Archiv Txeng

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-08-22)

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